Yahya Hassan

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal dänische Gedichte lesen werde. Auch dänischen Landsleuten geht das so. Bei Yahya Hassans «Digte» machten viele eine Ausnahme.
              
Mai 2015 «Hvis det er» ist 2014 erschienen und wurde noch nichts ins Deutsche übersetzt. Insofern richtet sich dieser Beitrag primär an Leute, die wie ich Dänisch lernen. Der Roman hat mir aber über die dänische Sprache hinaus gefallen und ist auch in einer Übersetzung lesenswert.
Wie schon bei Gift von Tove Ditlevsen, gliedert sich die Geschichte in viele kurze Kapitel, die überschaubare Leseeinheiten vorgeben. Als Ergänzung hatte ich mir das Hörbuch gekauft, von der Autorin selbst gesprochen. Ich ging so vor, dass ich jeweils ein Kapitel las und dabei die mir un­bekannten Wörter nachschlug. Anschliessend las ich den Text erneut und liess parallel dazu das Hörbuch laufen.
Hun sukker. Det udløser et suk hos mig. Mit suk er højere end hendes, det var ikke tiltænkt.
— Helle Helle: Hvis det er
Leute mit Muttersprache Dänisch würden den Schwierigkeitsgrad des Buches vermutlich als leicht einstufen. Auch für mich waren die 140 Seiten gut zu bewältigen, haben mich sprachlich allerdings stärker gefordert als «Gift». Die Sätze sind zwar einfach gebaut, Helle Helle verwendet aber immer wieder Formulierungen, bei denen mir das Wörterbuch nicht weiterhalf.
Es beginnt schon beim Titel. Im Buch kommt der Ausdruck in einem einzigen Satz vor: Du kan låne mit pandebånd, hvis det er. Die einzelnen Wörter zu übersetzen, ist ein Leichtes, ergibt aber noch keinen Sinn. Ich musste meine Dänischlehrerin um Rat bitten. Wir landeten schliesslich bei folgender Über­setzung: Ich kann dir mein Stirnband leihen, wenn du magst. Damit ist der Subtext des Ausdruckes aber nicht wiedergegeben und der Titel ist für mich immer noch etwas kryptisch. Ich bin gespannt, wie das Buch in der deutschen Fassung heissen wird.

Lost in translation

Die Handlung an sich ist leicht zu verstehen, die Erzählweise hat mich allerdings etwas verwirrt. Der Roman ist aus zwei Perspektiven geschrieben. Einerseits gibt es eine Rahmenhandlung in Ich-Form, die mit Ausnahme von kurzen Rückblenden die Gegenwart beschreibt: Zwei løber verlaufen sich beim Joggen im Wald und sind gezwungen, die Nacht im Freien zu verbringen. Andererseits schildert eine neutrale Erzählstimme die Vorgeschichte einer der Figuren. Die Situation im Wald wird zum Sinnbild für ihre Lebensituationen.
Til jul fik hun en clockradio af Christian. Hund holdt masken, men hun forstod ikke, hvad det gik ud på. Hun havde aldrig problemer at komme op om morgenen, hun vågnede, før uret ringede.
— Helle Helle: Hvis det er
Während die neutral erzählte Figur ohne Zweifel weiblich ist, war das Ich für mich nicht so eindeutig. Vielleicht, weil eine Autorin in Ich-Perspektive schreibt, und weil in der dänischen Sprache die Geschlechter nicht immer erkennbar sind wie im Deutschen, hatte ich irrtümlicherweise ebenfalls eine Frau vor Augen. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass es lediglich zwei Hinweise gibt. Ich war wohl zu Beginn derart mit Übersetzen absorbiert, dass ich diesen Stellen zu wenig Bedeutung zumass, um meiner kurzen Verunsicherung nachzugehen.
Der Ausdruck jeg er ikke naturens muntre søn hätte für mich genauso gut das ironische Zitat einer Redewendung sein können. Und den Vornamen Roar, ein einziges Mal genannt, konnte ich nicht einordnen. Selbst die Protagonistin – von der wir nur erfahren, dass sie zum Nachnamen ähnlich wie Vejmand heisst – muss nachfragen und findet es meget specielt. Wie ich inzwischen weiss, ist Roar ein norwegischer Männername. Für das Verständnis der Handlung machte es in diesem Fall keinen allzu grossen Unterschied. Das sagt kein Literaturkritiker, sondern ein Dänisch-Lernender, der sich freut, wenn er überhaupt etwas versteht. Ich anerkenne selbstverständlich nachträglich, dass Roar eine unkonventionelle und interessante Männerfigur ist. Eine lustige Leseerfahrung war es allemal.
Der går et stykke tid, hvor vi ikke siger noget. Det føles naturligt, som at vente hos lægen eller i et busskur. Hver sidder med sit.
— Helle Helle: Hvis det er

Det er ikke mig

In einigen Rezensionen wird kritisiert, dass der Zusammenhang der beiden Erzählebenen zu vage sei. Ich habe mich zwischendurch auch gefragt, worauf diese Konstruktion hinausläuft. Gleichzeitig hat mir die Dramaturgie gefallen. Der Roman beginnt mit einer klassischen dramatischen Ausgangslage: Ein Mann [sic!] und eine Frau verlaufen sich im Wald, es wird dunkel – was passiert? Diese Spannung trägt den ersten Teil des Buches, während die Autorin in kurzen Einschüben Episoden aus der Vergangenheit einflicht. Die Rückblenden werden immer ausführlicher und epischer, bis sich die Erzählung in der Vorgeschichte der Frau verliert. Man vergisst beinahe, dass da immer noch zwei Menschen im Wald ausharren. Erst im letzten Viertel des Buches wird man wieder in die Gegenwart zurückgeholt, mit dem Satz, mit dem der Roman beginnt: Det er ikke mig.
Nebst der Tatsache, dass ich mein zweites Buch in dänischer Originalfassung geschafft habe, fand ich «Hvis det er» eine kurzweilige und feinfühlige Lektüre. Ich konnte sicherlich nur einen Bruchteil der sprachlichen Nuancen und Anspielungen erfassen. Es genügte, um bei mir einen starken Eindruck zu hinterlassen. Ich war beim Lesen immer gespannt, wie es weitergeht. Dies, obwohl die Geschichte über weite Strecken unspekta­kulär ist und kein ein­deutiges Ziel verfolgt. «Hvis det er» gehört zu jenen Büchern, die nicht mit der letzten Seite enden. Mit präzisen Beobachtungen gelingt es Helle Helle, lebendige Bilder und Figuren zu schaffen, die ein Lebensgefühl vermitteln. Selten dramatisch, aber immer auf der Kippe.

Die Kürze eines Buches sagt noch nichts über den Schwierig­keitsgrad aus, aber als Orientierungshilfe hat mir die Zu­sammen­stellung korte danske romaner sehr geholfen. Auf gut Glück bestellte ich drei Titel von der Liste und bin mindestens fürs restliche Jahr mit dänischem Lesestoff eingedeckt.

Wer sich für «Hvis det er» von Helle Helle interessiert, findet unten mit dem ersten Kapitel eine kleine Leseprobe. So lässt sich das Sprachniveau am besten einschätzen und ob das Buch infrage kommt. Wenn man jeden Satz nach­schlagen muss, macht es keinen Spass.

Nebst Langenscheidt war und ist mir Den Danske Ordbog sehr nützlich, ein ausschliesslich dänisches Online-Wörter­buch mit vielen Beispielen.

Hvis det er

af Helle Helle (uddrag)
 

Det er ikke mig. Jeg står ikke sådan bag et træ i skoven. Bladene drysser. Det er uge 44, det er de sidste blade.

Jeg troede, jeg blev ved med at løbe ligeud. Men jeg passerede hele tiden det samme mosehul med visne bregner. Jeg løb til venstre og til venstre og igen længe efter, eller også var det højre, og så en gang til. Jeg noterede mig dette, det var før vablen.

Nu er solen lavere på himlen, og jeg er ikke alene. Der er en kvinde ude på stien. Hun står og roder i sin lomme, hun er iført pandebånd. Træningsjakken bundet om hofterne. Hun putter noget i munden, så kigger hun direkte herhen. Tyggemusklerne går op og ned. Men hun har ikke set mig, for nu glider blikket videre op mod trækronerne, hun lægger nakken helt tilbage. Hun bliver stående sådan, måske er der noget deroppe. Hun formår at tygge i den position. Jeg løfter hovedet for at se efter, men der er bare en blå himmel over alle de krogede grene Månen er stået op, det var tidligt.

Da jeg sænker hovedet, er hun igen i fart. Træningsjakken svinger fra side til side.

Jeg skal gøre det kort, jeg ved ikke, hvad jeg skal. Jeg er faret vild i den store skov. Jeg ved ikke meget om skove, jeg er ikke naturens muntre søn. Det sagde de andre i forgårs over kaffen. Men her er jeg under de jyske kæmper, i såkaldte løbesko.

Det lykkes mig at komme op i en slags omdrejning, omkring træet og tilbage på stien. Jeg vælger den modsatte retning af hende. Efter nogen tid deler stien sig i tre, jeg bevæger mig til højre forbi en større lysning og videre bag om et stykke fyrreskov. Her hviler jeg lidt på en kampesten. Hun dukker op så pludseligt fra venstre, at der kommer en lyd ud af mig, et hårdt pust. Det giver et ryk i min skulder. Vi nikker uden at sige noget, hun laber i græsset midt på stien, mellem hjulsporene. Det var derfor, jeg ikke hørte hende. Det var ikke godt for min skulder, hvad der skete. Brug ikke ordet ikke så ofte.

Jeg går nu den vej, vi begge kom ad, for ikke at rende på hende igen. Men allerede ved lysningen ved jeg ikke, hvad jeg skal. En rovfugl svæver højt oppe og cirkler væk over trætoppene. Jeg beslutter at krydse lysningen, måske er der en åbning på den anden side, jeg vader gennem græsset. Det er højt og ufremkommeligt, men jeg kommer fremad. Men den lysning er større, end jeg forestillede mig. Jeg standser halvvejs ved et enligt træ, jeg ser mig omkring. Men der er ikke meget at se. Men, men, men. En løbesko stikker ud under træets nederste gren, den sidder på hendes fod.

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