Maigret macht Ferien

Im Juli, wenn sich der Alltag beruhigt und eine sommerliche Beschaulich­keit einkehrt, stellt sich die Frage nach der Ferien­lektüre. Mit Kommissar Maigret machte ich eine Buch­entdeckung, die mich mehr als einen Sommer lang begleiten sollte.
   |           
Juli 2014 Nicht zu anspruchsvoll soll es sein, aber auch nicht ohne Niveau. Fesseln soll es mich, aber nicht so verein­nahmen, dass ich vor lauter Lesen den Sommer verpasse. Als Urlaubslektüre haben sich bei mir klassische Krimis bewährt. Es war nur eine Frage der Zeit, dass ich letzten Sommer auf Georges Simenon stiess, dessen 75 Maigret-Romane im Diogenes-Verlag in einer liebevoll gestalteten Neuedition erschienen sind.
Über das Treppengeländer gebeugt, blickte Madame Maigret ihm nach, als er mit schweren Schritten die Stufen hinunter­ging, fast so, wie sie einem Kind hinterhergesehen hätte, das zu einer schwierigen Prüfung unterwegs war.
— Maigret und der Messerstecher
Die Zitate auf der Buchrückseite hatten mich gewarnt: Suchtgefahr! Die Behaup­tung einer bekannten Zeitschrift, mit Maigret sei es wie mit Schokolade, man kriege nie genug davon, liess mich noch un­beeindruckt. Als mir illustre Namen wie William Faulkner, Walter Benjamin, Gabriel García Márquez oder Frederico Fellini ihre literarische Liebe zu Simenon gestanden, wurde ich hellhörig. Spontan griff ich nach zwei Titeln, die eine optimale Mixtur aus Spannung und Entspannung versprachen: Nr. 28 «Maigret macht Ferien» und Nr. 67 «Maigret in Kur».
Maigret macht Ferien
Manche kommen und fragen mich: Was soll ich denn von Simenon lesen? – Ich antworte: alles.
— André Gide
Maigret macht Ferien

Eine nette Ergänzung zu den Büchern ist die Hörspiel-Box «Maigret – Die besten Fälle»*. Sie enthält Hörspiel­fassungen von fünf Maigret-Romanen. Die Aufnahmen, produ­ziert vom Bayerischen Rundfunk, wurden in den Sech­ziger­jahren unter der Regie von Gert Westphal aufgezeichnet. Dass man diesen Hörspielen die Zeit, in denen sie ent­standen sind, anhört, macht den Reiz aus und passt zur literarischen Vorlage.

*
2015 ist mit «Maigret – Die spannendsten Fälle» eine weitere Box mit älteren Hörspielen erschienen.
Ein Jahr später* bin ich 15 Bände weiter. Rein rechnerisch reicht der Lesestoff für weitere vier Jahre. Da in derselben Edition zudem 50 ausgewählte Romane ohne Kommissar Maigret als Hauptfigur erschienen sind, die sog. Non-Maigrets, liesse sich die Lesereise noch verlängern. Ein derart umfang­reiches Œuvre weckt zu­nächst Skepsis: 175 Romane, 150 Erzählungen, über 1’000 Kurzgeschichten. Und dabei soll herausragende Qualität entstehen? Ein Klappentext bringt es auf den Punkt: Man fragt sich unwill­kürlich: Hat dieser Mann wirklich gelebt?

Atmosphärische Gesellschaftsporträts

Georges Simenon ist ein begnadeter Beobachter und Geschichtenerzähler. Einfache, aber effektive Mittel in Sprache und Dramaturgie schaffen eine dichte Atmosphäre, die an Film erinnert. Mit seiner Hauptfigur löst der Autor nicht bloss Krimi­nalfälle, er betreibt Milieustudien. Diese leben heute sicherlich ein Stück weit vom Charme vergangener Zeiten. Die meisten Geschichten spielen in den Dreissiger- und Vierziger­jahren. Es wird bedenkenlos ge­raucht und im Dienst getrunken, Mördern droht das Schafott. Telefone sind ein wichtiges Kommuni­kationsmittel, jedoch keine allgegenwärtige Selbstverständlichkeit, was auf natürliche Weise Spannungs­momente erzeugt, für die man heute einen entladenen Handy-Akku bemühen müsste.
Maigret, der korpulente Kommisssar mit der Pfeife, vertraut auf seine Intuition. Er versetzt sich in die Psychen aller Beteiligten, rekonstruiert penibel ihre Lebens­umstände und kann dabei ebenso warm­herzig wie uner­bittlich sein. Die reine Verbrecherjagd interessiert ihn nicht. Er will die Menschen verstehen. Und lässt auch mal einen Täter laufen, wenn es sein persönlicher Gerechtig­keits­sinn verlangt.
Der einzige Mensch, der ihn im Gefängnis ein paarmal besucht hatte, war Maigret gewesen.
— Maigret erlebt eine Niederlage
Georges Simenon war ein Vielschreiber, seine Maigret-Romane entstanden in einem Zeitraum von 40 Jahren. Dass sich da und dort kleinere Ungereimtheiten eingeschlichen haben, sei dem Autor mehr als verziehen. Der winzige Ausschnitt seines Werkes, den ich gelesen habe, genügt, dass ich jeden Simenon mit blindem Vertrauen aus dem Bücherregal ziehen würde. Und jedesmal, wenn ich ein neues Buch aufschlage, fühlt es sich an wie Ferien.
* Stand Februar 2016: Ich bin bei 23 Bänden angelangt …

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien
Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes
Maigret und der gelbe Hund
Maigret und die Keller des Majestic
Maigret im Haus des Richters
Maigret contra Picpus

Maigrets Nacht an der Kreuzung
Maigret macht Ferien
Maigret und sein Toter
Maigret und die alte Dame
Maigret als möblierter Herr
Maigret und die Bohnenstange
Maigret und die junge Tote
Maigret und die kopflose Leiche
Maigret stellt eine Falle
Maigret erlebt eine Niederlage
Maigret amüsiert sich

Maigret hat Skrupel
Maigrets Geständnis
Maigret und das Gespenst
Maigret verteidigt sich
Maigret in Kur
Maigret und der Messerstecher