Gift

Wenn man eine Fremdsprache lernt, ist das erste Buch, das man in der Original­fassung lesen kann, ein besonderes Erlebnis. «Gift» von Tove Ditlevsen hätte mich auch in einer deutschen Übersetzung beeindruckt.
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Januar 2015 Auch wenn ich das Buch in jeder Sprache empfehlen kann, richtet sich dieser Artikel primär an Leute, die wie ich Dänisch lernen (die deutsche Ausgabe mit dem Titel «Sucht» ist vergriffen und nur noch antiqua­risch erhältlich).

«Gift» wurde mir von meiner früheren Dänisch­lehrerin empfohlen. Die Autorin war mir kein Begriff, obwohl sie mit Karen Blixen zu den bedeutend­sten und meist gelesenen dänischen Schrift­steller­innen des 20. Jahr­hunderts zählt. Tove Ditlevsen sah sich selbst in erster Linie als Lyrikerin. Nebst Gedichten schrieb sie aber auch erfolg­reiche Romane wie «Man gjorde et barn fortræd» oder «Barndommens gade». Oder auto­biografische Erzählungen wie «Gift».

Die Grenzen zwischen Tove Ditlevsens Leben und ihrem literarischem Werk sind fliessend. «Gift» bezeichnet die Autorin als Erinnerun­gen. Der doppeldeutige Titel, der übersetzt sowohl Gift wie verheiratet bedeuten kann, ver­weist auf ihre vier Ehen und die jahrelange Drogensucht. Das Buch blendet zu­rück in die Vierziger­jahre, als Tove Ditlevsen am Anfang ihrer Karriere stand.

Handler »Gift« om Tove Ditlevsens eget liv? Det gør den måske og så alligevel ikke. »Alt er fiktion, selv en nøgle­roman«, sagde Tove Ditlevsen engang i et interview.
— Forord ved Dy Plambeck
Wie viele Frei­heiten sich die Autorin bei ihren Schilderungen nahm, kann ich nicht berteilen. Die in der Ich-Form erzählte Geschichte folgt zweifellos ihren Lebens­stationen. Tove Ditlevsens Arbeit als Schriftstellerin spielt dabei eine wichtige Rolle, der Fokus ist aber auf ihr Privatleben gerichtet. Die Figuren tragen ihre richtigen Vornamen und sind dadurch leicht zu identifizieren. Gesellschaftliche Tabu­themen werden mit ungeschminkter Direktheit behandelt. Kein Wunder, löste das Erscheinen des Buches 1971 in Dänemark einen Skandal aus.
Gift

Wer sich für Gift von Tove Ditlevsen als Dänisch­lektüre interessiert, findet unten mit dem Anfang des ersten Kapitels eine Leseprobe. So lässt sich das Sprachniveau am besten einschätzen und ob das Buch persönlich infrage kommt oder (noch) nicht. Gekauft habe ich es online bei William Dams Boghandel. Die Buchpreise sind bei allen Anbietern ähnlich, es liefern aber nicht alle ins Ausland und die Versandkosten unterscheiden sich zum Teil beträchtlich.

Schlichte, präzise Sprache

Die damalige Brisanz ist es aber nicht, was für mich den Reiz des Buches ausmacht. Ich finde «Gift» eine berührende Geschichte. Nie rühr­selig, manchmal poetisch, meist schnörkellos. Die eher einfache Sprache des Textes kam mir natürlich sehr entgegen. Das Buch hat mit 140 Seiten einen überschaubaren Umfang und ist in 20 Kapitel eingeteilt, die gute Lese­einheiten vorgeben.
Obwohl ich Hunderte von Wörtern nach­schlagen musste, ergab sich bald ein angenehmer Lese­fluss. Der Handlung konnte ich problemlos folgen. Es waren mehr die beschreibenden Details, insbesondere Adjektive, die ich nicht immer auf Anhieb verstand oder erraten musste. Zusammen­gesetzte Verben und Rede­wendungen sind auch immer eine Herausforderung. Alles in allem war «Gift» für mich eine tolle Leseerfahrung, die weit über das reine Textverständnis hinaus ging. Das Buch ist prädestiniert für Dänisch Lernende: eine relativ leicht zugängliche Lektüre, ohne dass man literarisch Abstriche machen muss.
Jeg er kun tyve år, men jeg føler, at livet udenfor disse grønne stuer for andre mennesker farer asted som til lyden af pauker og trommer, mens dagene falder på mig så umærkeligt som støv, den ene akkurat ligesom den anden.
— Tove Ditlevsen: Gift
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Das Ende des ersten Teils markiert in der Tat einen Wende­punkt, der die Hauptfigur komplett aus der Bahn wirft. Während einer illegalen Abtreibung erhält die junge Frau eine schmerzstillende Spritze mit Pethidin. Der dadurch ausgelöste Drogenrausch hinter­lässt einen derart starken Eindruck, dass sie danach wie besessen davon ist, dieses Glücks­gefühl erneut zu erleben. Tove verlässt überraschend ihren zweiten Mann und heiratet den Arzt, der ihr den Zugang zur Spritze sichert. Mit einem vorgetäuschten Ohrenleiden bringt sie ihn immer wieder von neuem dazu, ihr das Schmerzmittel zu verab­reichen.
Hvis jeg nu fortalte ham sandheden? Hvis jeg fortalte ham, at det var en klar væske i en sprøjte jeg var forelsket i og ikke i den mand, der var indehaver af sprøjten?
— Tove Ditlevsen: Gift
Wie Tove Ditlevsen die Drogensucht und die gegenseitige Abhängigkeit in dieser fatalen Ehe schildert, ist eindrücklich. Zusammen mit der Protagonistin ahnt man als Leser, wie schlimm es um sie steht. Das volle Ausmass begreift man aber erst, als man mit ihr gemeinsam im Kranken­haus, in das sie notfallmässig eingeliefert wurde, in den Spiegel blickt: eine ausgemergelte, auf 30 kg abgemagerte Gestalt, die sich selbst nicht mehr erkennt.

In letzter Konsequenz

Das klingt alles sehr tragisch und ist es auch. Man darf sich «Gift» aber nicht als depremierende Lektüre vorstellen. Die Geschichte hat Höhen und Tiefen und trotz bitterer Erfah­rungen bleibt die Sprache frei von Bitterkeit. Die Autorin macht sich nichts vor und beendet das Buch trotzdem mit einem Hoffnungs­schimmer. Obwohl sie ahnte, dass ihr Leben kein gutes Ende nehmen würde. Fünf Jahre später, im Alter von 58, beging Tove Ditlevsen Selbst­mord. Genau so, wie sie es im letzten Band ihres autobiografischen Werkes vorweggenommen hatte.

Special-pædagogisk forlag

Als fortgeschrittener Anfänger ist es schwer, eine geeignete Dänisch­lektüre zu finden. Vom Sprachniveau her müsste man zu Kinder- oder Jugendbüchern greifen, aber das ist wenig befriedigend. Ein Kompromiss sind Leichtlese­fassungen.

Mein allererstes Buch war dann auch eine vereinfachte Version von Frøken Smillas fornemmelse for sne. Nicht halb so dick wie die Originalausgabe von Peter Høeg, flösste mir das Buch trotzdem Res­pekt ein: Immerhin warte­ten 200 Seiten in dänischer Sprache auf mich! Ich stellte mich auf eine anstren­gende Lektüre ein und war verblüfft, wie schnell das Buch ausgelesen war. Wesentlich dazu bei­getra­gen hatte – nebst zwei langen Zug­fahrten –, dass der Special-pædagogisk forlag auch das passen­de Hörbuch liefern konnte. Die Hör­fassung nimmt ebenfalls auf Dänisch Lernen­de Rück­sicht und ist in mode­ratem Tempo ge­lesen. Den Text hören und gleich­zeitig mitlesen, erwies sich für mich als ideale Kombination.

Die Bearbeitung von Frøken Smillas fornem­melse for sne kann ich somit ebenfalls als Ein­steiger­lektüre empfeh­len. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass sich der Schwie­rig­keits­grad wesentlich von Gift unter­scheidet, obwohl sich Tove Ditlevsen literarisch klar auf höhe­rem Niveau bewegt. Das soll aber keine Kritik an der Leicht­lese­fassung sein und das Original kenne ich nicht. Bei den Stellen mit etwas gar viel mørke und skygge muss man dafür keine Wörter nach­schlagen.

Gift

af Tove Ditlevsen (uddrag)
Alt i stuen er grønt, væggene, tæpperne, gardinerne, og jeg er altid inde i den som i et billede. Jeg vågner hver morgen ved 5-tiden og sætter mig til at skrive siddende på sengekanten, mens jeg krummer tæerne af kulde, for det er midt i maj, og de er holdt op med at fyre. Jeg sover alene i stuen, fordi Viggo F. har været alene så mange år, at han ikke pludselig kan vænne sig til at sove sammen med et andet menneske. Det forstår jeg godt, og det passer mig godt, for så har jeg disse tidlige morgentimer helt for mig selv. Jeg skriver på min første roman, og Viggo F. ved ikke noget om det. Jeg har på fornemmelsen, at hvis han vidste det, ville han rette i den og give mig gode råd som han gør det med de andre unge mennesker, der skriver i „Vild Hvede“, og det ville standse de sætninger, der hele dagen farer gennem hovedet på mig. Jeg skriver på hånden på gult koncept­papir, for hvis jeg skrev på hans larmende skrivemaskine, der er så gammel, at den hører hjemme på Nationalmuseet, ville det vække ham. Han sover i værelset ud til gården, og jeg skal først vække ham kl. otte. Så står han op i sin hvide natskjorte med de røde kanter og går med et fortrædeligt ansigt ud på badeværelset. Imens laver jeg kaffe til os begge og smører fire stykker franskbrød. Jeg kommer meget smør på de to, for han elsker alt, hvad der er fedt. Jeg gør alt hvad jeg kan for at være ham til behag, for jeg er ham stadig taknemmelig, fordi han giftede sig med mig. Alligevel er der noget galt, men jeg undgår omhyggeligt at tænke nærmere over det. Viggo F. har af uransagelige grunde aldrig taget mig i sine arme, og det plager mig lidt, omtrent som hvis jeg havde en sten i skoen. Det plager mig en lille smule, for jeg tror, der er noget i vejen med mig, og at jeg på en eller anden måde ikke har svaret til hans forventninger. Når vi sidder overfor hinanden og drikker kaffe, læser han avisen, og imens må jeg ikke tale til ham. Imens synker modet i mig som timeglassand, jeg ved ikke hvorfor …