Die Gartengallier

Während ich mir mit Stummfilmen meist schwer tue, vermisse ich beim Hör­spiel nichts. Wie beim Kino denken viele zunächst an Fiktion, Spielfilm im Ohr. Es gibt aber auch dokumen­tarische Hörspiele – und zwar ausge­zeich­nete.
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Februar 2015 Seit 2007 vergibt die Christoph Merian Stiftung jährlich den Inter­nationalen Feature­preis. Damit werden herausragende deutschsprachige Hörspiel­produktionen ausgezeichnet, die mit doku­mentarischen Mitteln arbeiten. Die Gewinnerbeiträge publiziert die Merian Stiftung im eigenen Verlag, die Titel sind auf CD oder als Download erhältlich.
Ich wurde wach vom Ruf des Muezzins, der über Laut­sprecher von der benach­barten Moschee in mein Ohr drang. Früher war sie mal eine Kirche gewesen, aber sie war schon vor vielen Jahren zur Moschee umfunktioniert worden, nachdem es der Islamischen Gemeinde in unserem Viertel in ihrer alten Moschee zu eng wurde.
— Monika Kalcsics: Die Gartengallier
Der Featurepreis 2011 ging an Monika Kalcsics und ihr knapp einstündiges Hör­spiel «Die Garten­gallier – Unbeugsamer Widerstand in Wiener Neustadt». Jahre vor der deutschen Pegida-Bewegung schliesst sich eine kleine Gruppe Schreber­gärtner zusammen, um gegen die schleichen­de Islami­sierung Österreichs zu kämpfen. Aus­löser ist der Bau eines Mega-Islam­zentrums. Obwohl dauer­beschallt von Bahn- und Fluglärm, haben sie sich ihr persönliches kleines Paradies geschaffen. Während der Bürger­meister erleichert ist, dass der Islamische Verein seinen Treffpunkt vom Wohnquartier in die Industriezone aus­lagert, sind die Schreber­gärtner alles andere als begeistert, Tausend Türken als neue Nach­barn zu erhalten.
Haben Sie davor wirklich Angst, dass wir die Minderheit werden? – Da braucht man keine Angst haben. Da braucht man nur rechnen.
— Monika Kalcsics: Die Gartengallier

Kleinkrieg mit Humor

Da sich die Betreiber des Islamzentrums anfangs medienscheu verhalten, konzentriert sich Monika Kalcsics zunächst auf die selbsternannten Gartengallier. Sie versucht heraus­zufinden, was den vier Pächtern und ihren Partnerinnen der Schreber­garten bedeutet und welche Ängste und Sorgen das geplante Islamzentrum in ihnen auslöst. Die Tonalität pendelt gekonnt zwischen Komik und Tragik, ohne die Figuren vorzuführen. Auch später bemüht sich die Autorin vermittelnd um einen Dialog zwischen den verfeindeten Parteien und überlässt das Urteil den Zuhörerinnen und Zuhörern.
Es ist traurig. Wir haben nichts gegen die Aus­länder selber. Überhaupt nicht. Das sind genauso Menschen wie wir. Wir möchten auch friedlich mit den Leuten leben. Wir wollen keinen Krieg oder sonst irgendwas, weil da kommt nichts Gutes heraus. Aber scheinbar geht es nicht anders. Und das ist traurig.
— Monika Kalcsics: Die Gartengallier
Es wird immer deutlicher, wie viel Geschirr bereits zerschlagen wurde. Die vom Bürger­meister initiierte Mediation endete in einem Desaster; schon beim ersten Treffen fiel nach einer Provo­kation das Wort Hitler. Die verfahrene Situation verliert sich in gegen­seitigen Beschuldigungen und einem Kleinkrieg, den auch die Polizei, hörbar genervt, nicht mehr schlichten kann und will. Dennoch zeichnet sich am Schluss ein «Sieger» ab. Das Paar, dessen Schrebergarten am unmittel­barsten ans Islamzentrum grenzt, scheint am wenigsten Berührungsängste zu haben – und wird dafür prompt von den anderen Gartengalliern ausgegrenzt. Da waren’s nur noch sechs.
Die Gartengallier

Nebst dem Hörspiel Die Garten­gallier habe ich mir drei weitere Titel aus der dokumentari­schen Reihe Internatio­naler Featurepreis an­gehört. Auch sie haben es verdient, hier auf­geführt zu werden.

Der Mörder ist unter uns von Wolfgang Brenner: Mit Bekenner­briefen bezichtigt sich ein Unbe­kannter zweier Morde, die Jahr­zehnte zurückliegen. Die Polizei wähnt sich einem Serienmörder auf der Spur. Als es gelingt, das Alter des Täters und den Wohn­ort auf ein Dorf im Saarland einzugrenzen, ent­schliesst man sich zu einem Massen-Gentest, der eine über­raschende Wahrheit ans Licht bringt.

Mord im Zillertal von Eva Roither: Im Jahr 1928 kommt der jüdische Zahnarzt Max Halsmann auf einer Wanderung unter unklaren Um­ständen zu Tode. Sein Sohn gerät unter Mord­verdacht und in einen Gerichtsprozess, der europaweit Aufsehen erregt. Während sich Schrift­steller und Intellektuelle für den jüdi­schen Angeklagten einsetzen, sind öster­reichische Nazi-Blätter von dessen Schuld überzeugt.

Fallbeil für Gänseblümchen von Maximilian Schönherr: Ein DDR-Gerichtsprozess im Originalton. Die Sekretärin Elli Barczatis und ihr Geliebter Karl Laurenz sind 1955 der Spionage für den Westen angeklagt. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, die Ange­klagten haben keine Chance: Das Gericht macht kurzen Prozess und verurteilt die beiden nach nur einem Verhand­lungs­tag zum Tode.

ARD radiofeature

Weitere empfehlenswerte und kostenfreie Quellen für doku­men­tarische Hörspiele sind das ARD radiofeature und WDR 5 Dok 5. Im Monatsrhythmus er­schei­nen 50-minütige Beiträge, die sich als Podcast abonnieren oder direkt auf der Website als Audiodatei herunterladen lassen. Meist werden aktuelle Gesellschaftsthemen aufgegriffen und im Sinne des investigativen Journalismus‘ kritisch beleuchtet.

Als Ergänzung zu den «Gartengalliern» lohnt sich beispielsweise das Feature vom Septem­ber 2015. «Wer ist das Volk?» beschäftigt sich mit Fremdenfeindlichkeit im Osten, genauer gesagt mit der Pegida-Bewegung vor dem Hintergrund der ehemaligen DDR.