Friesische Karibik

Während es im Urlaub die meisten Menschen in den Süden zieht, bin ich selber mehr der Nordseetyp. Besonders angetan hat es mir die Insel Föhr, die sich mit einem Augen­zwinkern «Friesi­sche Karibik» nennt.
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August 2013 Die Nordsee-Insel Föhr befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der bekannten und deutlich umtriebigeren Urlaubsdestination Sylt. Die Anreise ist bequem mit öffentlichen Verkehrs­mitteln möglich. Von Hamburg aus führt eine direkte Bahnverbindung an vielen Windrädern vorbei nach Dagebüll, wo an der Mole bereits die Fähre wartet. Nach vier Stunden Gesamtreise ist man in Wyk, wo die Hälfte der etwas über 8’000 Insulaner lebt. Von Zürich aus steht man mit Flug, Zug und Schiff nach rund sieben Stunden am Strand und gut 1’000 km nördlicher.
Die Hauptattraktion von Föhr und der Gegend im Allgemeinen ist das Wattenmeer. Die Gezeiten sorgen dafür, dass sich die See nicht nur periodisch zurückzieht, sondern für das Auge komplett ver­schwindet. Die Nachbarinsel Amrum ist dann sogar zu Fuss erreichbar. Das eindrückliche Natur­schauspiel von Ebbe und Flut vollzieht sich zweimal täglich und führt zu einer ganz eigenen Flora und Fauna, die in weiten Teilen als Nationalpark unter Schutz steht. Die Insel ist ein Paradies für Tiere, beson­ders Vögel. Aber auch die Schafe am Deich, die Kühe und Pferde auf den Weiden werden in so idyllischen Umgebungen gehalten, dass man geneigt ist, selbst diese Nutztiere um ihr beschau­liches Leben zu beneiden.

Sprechende Grabsteine und geringelte Enten

Die Küste der Insel lässt sich über kilometer­weite Strecken barfuss am Sandstrand oder auf asphaltierten Deichwegen erkunden. Auch das Landes­innere ist bestens für Wanderungen oder Rad­touren geeignet und führt durch weitläufige Land­wirtschafts­zonen, die sogenannte Marsch, und schmucke Dörfer mit strohgedeckten Friesen­häusern. Dabei kommt man auch immer wieder an kultu­rellen Sehenswürdigkeiten vorbei; zu den bekanntesten zählen die sprechenden Grab­steine.
Ersterer ist auf seinem Lebenswege reichlich gesegnet worden, hat aber auch mit seinen Gütern und Gaben Andern gern gedient; er hat auch indes des Lebens Hast und Hitze tragen müssen: 2 Lebens­gefährtinnen, mit denen er nur etliche Jahre gepilgert, mit der ersten, Ingke O. aus Oldsum, 9, mit der zweiten, Mattje L. aus Süder­ende 8 Jahre, und von seinen 9 Kindern, 4 aus der 1. und 5 aus der 2. Ehe, sind 7 vor ihm ins Grab gesunken, doch war es ihm vergönnt, an der 3. Hausfrau eine langjährige Gehülfin zu finden, von 1846 bis zu seinem Lebensende.
— Sprechender Grabstein auf Föhr
Die Grabsteine auf den Insel-Friedhöfen reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Sprechend meint, dass sie dicht beschrieben sind mit einer zusammenfassenden Lebensgeschichte der Verstorbenen, oftmals Kapitäne oder Walfänger und deren Familien.
Friesische Karibik
Eine weitere Besonderheit auf der Insel sind die Vogelkojen. Bei diesen Anlagen handelt es sich um künstlich angelegte Teiche, die man früher dazu benutzte, um Enten zu fangen. Mit Hilfe von gezähm­ten Enten wurden Wildenten angelockt und in Reusen getrieben, die sog. Pfeifen. An deren Ende lauerte der Kojenwart in seinem Versteck darauf, die Tiere zu ringeln. Was nichts anderes bedeutete, als ihnen den Hals umzudrehen. Bis in die Dreissigerjahre gab es sogar eine Fabrik auf der Insel, die das Wildentenfleisch in Konservendosen als gehobene Delikatesse vermarktete.

Fazit: friesisch herb

Bestimmt haben alle Jahreszeiten ihren Reiz, aber eine friesische Karibik wird man nur in den Sommermonaten erleben. Und Badeferien wie im Süden darf man sowieso nicht erwarten. In der Hochsaison ist beson­ders an den Wochenenden und am Familien­strand in Wyk trotzdem einiges los. Es braucht aber bloss ein paar Schritte weg vom Zentrum und man hat seine Ruhe. Wer Entspannung sucht und nicht gleich bei jedem Windstoss umfällt, dürfte an dieser pro­vinziellen, deswegen aber nicht hinter­wäldlerischen Ferieninsel Gefallen finden. Für mich sind allein die Brötchen mit den Nordsee­krabben frisch ab Kutter die Reise wert!

Dreiländereck

Da ich in Österreich, genauer gesagt in der Steiermark geboren bin, mehrere Jahre in Hamburg verbracht habe und seit einiger Zeit Dänisch* lerne, verbinden mich gleich drei Länder mit der Insel. Föhr schrieb sich früher Før und gehörte zum Dänischen Königreich. Noch heute gibt es in Wyk eine dänische Schule. Im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurde die Insel kampflos von einem steirischen Feldjäger­bataillon erobert, fiel dann dem König­reich Preussen zu und gehört heute zu Deutschland.

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Im Dänischen wird die Nordsee «Vesterhavet» genannt, was «das Westmeer» bedeutet. Alles eine Frage der Blickrichtung.