Ars Electronica

Anfangs September findet in Linz die «Ars Electronica» statt. Die heurige Ausgabe dieses Festivals für Kunst, Technologie und Gesell­schaft be­schäf­tigte sich mit Lebensräumen für das 21. Jahrhundert.
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Oktober 2015 Meinen allerersten Besuch der Ars Electronica vor 20 Jahren werde ich nie vergessen. Einerseits durfte ich mit «Model 5.5» von Granular Synthesis eine Videoperformance erleben, die zu meinen prägendsten Kunsterlebnissen zählt. Darüber hinaus machte mich das damalige Symposium «Welcome to the Wired World» auf etwas aufmerksam, das ich 1995 weder kannte, noch einordnen konnte: das World Wide Web.

Die Stärke der Ars Electronica ist die Interdisziplinarität. Besonders in den früheren Jahren kannten die Veranstalter keinerlei Berührungsängste. Nebst Künstlerinnen und Künstlern holten sie aus aller Welt und allen denkbaren Disziplinen Fachleute nach Linz, die manchmal selbst nicht verstanden, weshalb sie eingeladen wurden. Der Chirurg aus der US Army war ebenso willkommen wie der akademische Robotikforscher oder die Managerin eines Softwarekonzerns. Es war eine Freude zu sehen, wie Weltbilder aufeinander prallten.

Inzwischen ist die Ars Electronica zu einer festen internationalen Grösse geworden, die nebst dem fünftägigen Festival im Herbst mit dem Ars Electronica Center und dem Future Lab das ganze Jahr über aktiv ist.

Post City

Das Festivalthema 2015 lautete «Post City – Lebensräume für das 21. Jahrhundert». Als kleines Wortspiel fanden das Symposium und ein Teil der Ausstellung passend dazu im ehemaligen Verteilerzentrum der Österreichischen Post statt: riesige Hallen, mit Transportstrassen und spiralförmigen Paketrutschen.
Als Auftakt zum ersten Symposium, «Future Mobility – A Challenge for Art & Science», stellte Daimler sein neuestes Forschungsfahrzeug vor, den Mercedes-Benz F 015. Der Zusatz «Luxury in Motion» ist Programm. Das selbstfahrende Auto erinnerte mich an eine Kutsche und ist mindestens so sehr Chill-out-Zone wie Fortbewegungsmittel.
Der erste Redner, der Zukunftsforscher Alexander Mankowsky, wies zunächst darauf hin, wie wichtig es bei einer Robotikentwicklung sei, sich zu fragen, was nicht automatisiert werden soll. Das Bewusst­sein für menschliche und maschinelle Stärken scheint ein Schlüssel zu sein für die gesellschaftliche Akzeptanz intelligenter Maschinen. Der nachfolgende Vortrag von Martina Mara vom Ars Electronica Future Lab bestätigte, dass der Trend hin zu «Tools» geht, die klar erkennen lassen, was deren Funktionen und Fähigkeiten sind. Humanoide Roboter wecken nach wie vor diffuse Ängste und geraten schnell in eine Konkurrenzsituation zum Menschen (kurz nach dem Festival erschien im Tagesanzeiger ein Artikel zu diesem Thema: Geschlagen, gemobbt, geköpft).
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Kaum ein Thema polarisiert so wie die urbanen Räume der Zukunft.

— Christine Schöpf, Ko-Leiterin Ars Electronica

Als ein konkretes Beispiel für die Interaktion zwischen Mensch und Maschine diente die Situation eines Fussgängers, der die Strasse überqueren möchte. Nebst der Herausforderung, einem Auto die Fähigkeit zu geben, eine solche Situation selbständig zu erkennen, muss eine Kommunikation stattfinden, die Vertrauen schafft. Ein kurzer Blickkontakt ist ohne Mensch am Steuer nicht möglich. Der F 015 bleibt stattdessen nicht nur stehen, sondern projiziert einen Zebrastreifen vor sich auf die Strasse. Da nicht immer zweifelsfrei klar ist, ob jemand die Strasse überqueren möchte oder nur am Strassenrand steht, hat auch der Fussgänger die Möglichkeit, dem Auto mit einer Winkbewegung zu signalisieren, dass es weiterfahren kann.
Ich muss vorausschicken, dass mir die Faszination für Autos nicht mit in die Wiege gelegt wurde. Der F 015 ist ohne Zweifel das futuristischste Auto, das ich je gesehen habe. Trotzdem fand ich den Prototypen weniger spannend als die Fragen, die ein solches Fahrzeug aufwirft. Ich bin gespannt, ob traditionelle Automobilhersteller wie Daimler mit potenten Newcomern wie Google oder Apple werden mithalten können. Dass das Auto die Gesell­schaft entscheidend prägt und in der heutigen Form keine Zukunft mehr hat, darin sind sich die Fachleute einig.
Ein künstlerischer Kontrapunkt zum Hightech-Wettbewerb der Konzerngiganten fand sich ebenfalls in der Ausstellung von «Post City»: Der Fahrradi des österreichischen Künstlers Hannes Langeder ist der langsamste Sportwagen der Welt – eigentlich ein Fahrrad, mit liebevoll gebastelter Karosserie.

Prix Ars Electronica

Dass sich die Ars Electronica seit über 35 Jahren behaupten kann, ist gerade in der Medienkunst eine bemerkenswerte Leistung. Wobei der Begriff «Medienkunst» zunehmend in den Hintergrund tritt. Die Schwierigkeit, das weitläufige und heterogene Feld zu fassen, zeigt sich in der Namensgebung für die Wettbewerbskategorien des Prix Ars Electronica. Derzeit werden alter­nierend zu Hybrid Art und Digital Musics & Sound Art im Folgejahr Interactive Art und Digital Communities ausgeschrieben. Hinzu kommen weitere Kategorien wie Computer Animation/Film/VFX oder Visionary Pioneers of Media Art.
Nebst der Ausstellung der prämierten oder mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichneten Projekte, bietet die Ars Electronica auch österreichischen und internationalen Kunsthochschulen eine Platt­form, ihre medienkünstlerischen Arbeiten zu präsentieren. Bei hoch technischen und vielfach konzeptionellen Werken, die beispielsweise mit Datenströmen oder biochemischen Prozessen operieren, sind die Ausstellungen künstlerisch wie kuratorisch eine echte Herausforderung. Bei zahlreichen Arbeiten fand die Kunst dann auch in meinem Kopf statt und ich hätte mir manchmal mehr Sinnlichkeit und weniger Erklärungen gewünscht. In der Box habe ich eine Auswahl von drei Projekten zusammengestellt, die sowohl mich wie auch die diesjährigen Jurys überzeugt haben.
Alex Verhaest
Temps Mort
Nelo Akamatsu
Chijikinkutsu
Heather Dewey-Hagborg
Stranger Visions

Darf’s ein bisserl weniger sein?

Die Digitalisierung der Welt ist für die Ars Electronica Segen und Fluch zugleich. Mit dem Zerfliessen der Grenzen wuchert auch das Festival. Die Vielfalt der Ein­drücke und Gedankenanstösse sehe ich nach wie vor als Stärke des Festivals. Die Programmdichte wirkte aber dieses Jahr übertrieben und Qualitätsschwankungen machten die persönliche Festivalgestaltung zum Glücksspiel. Conferences, Lectures, Workshops, Exhibitions, Projects, Events, Concerts, Performan­ces, Prix Ars Electronica, Animation Festival … – Liebe Ars Electronica. Ihr meint es zweifellos gut mit uns, aber darf’s das nächste Mal ein bisserl weniger sein?
Ars Electronica

Prix Ars Electronica

Der Prix Ars Electronica wird in mehreren Kategorien vergeben. Ich möchte in aller Kürze auf drei Arbeiten hinweisen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinter­lassen haben.

Temps Mort des belgischen Künstlers Alex Verhaest besticht durch das Zu­sammenspiel von Inhalt und Form. Die Arbeit besteht aus mehreren Bildern, die auf den ersten Blick wie gemalte Porträts und Still­leben aussehen. Kleinste Bewe­gungen verraten, dass es sich um digitale Animationen handelt. Durch einen Tele­fon­anruf erwacht das Gruppenbild zum Leben und erzählt die Geschichte eines Selbstmordes in einer Familie, die unfähig ist, über dieses Ereignis zu sprechen. Die bleierne Atmosphäre widerspiegelt sich eindrücklich in den morbiden Bilder. – Golden Nica in der Kategorie Computer Animation/Film/VFX.

Die Sound-Installation Chijikinkutsu des Japaners Nelo Akamatsu gewann die Golden Nica in der Kategorie Digital Musics & Sound Art: Ein poetischer, medidativer Klanggarten aus einer Vielzahl von Wassergläsern, in denen Nähnadeln schwimmen. Angezogen von elektromagnetischen Impulsen, stossen vereinzelt Nadeln an die Glaswand und spielen eine geheimnisvolle Partitur.

Die Amerikanerin Heather Dewey-Hagborg wurde mit einer Honorary Mention in der Kategorie Hybrid Art aus­gezeich­net. Ihre Arbeit Stranger Visions ist ein kritischer Beitrag zum gläsernen Menschen. Die Künstlerin sammelte auf der Strasse menschliche Spuren wie Zigarettenstummel oder Kau­gummis. Daraus gewann sie DNA-Proben, aus denen sie mit forensischen Methoden die Gesichter der betreffenden Menschen rekonstruierte. Auch wenn die Methode natürlich nicht perfekt ist und Spielraum offen lässt, wirft Heather Dewey-Hagbor einen beunruhigenden Blick in die Zukunft: «The point isn’t that I know everything about a person from a piece of chewing gum, rather that I, an amateur, know as much as I do.»